Bankenregulierung

Was sollen Banken tun? Zur Bedeutung von Rationalität und Legitimität im Bankensystem

Teilprojekt: „Erwartungen der Regulierung – Regulierung der Erwartungen: Zur Genese enttäuschter Erwartungen im Bereich der Bankenregulierung“

Laufzeit: 2015-2018
Projektleitung: Prof. Dr. Ulrich Klüh
Projektbearbeitung: Alen Bosankic
Gefördert durch: Bundesministerium für Bildung und Forschung im Programm „Finanzsystem und Gesellschaft; Bedeutungs- und Funktionswandel des Finanzsystems sowie Implikationen für die Entstehung, Überwindung und Vermeidung von Finanzkrisen“

Dem Finanzsektor und insbesondere Banken kann mit Recht eine zentrale Infrastrukturfunktion für die Ökonomie kapitalistischer Gesellschaften zugeschrieben werden. Seit der jüngsten Finanzkrise wird diese in der Gesellschaft (wieder) als gestört wahrgenommen, sodass sich die Frage stellt, wovon es abhängt, ob und wie gesellschaftliche Erwartungen vom Bankensystem aufgenommen und bedient werden und ob bzw. wie diese Prozesse beeinflusst werden und werden können.

Ausgehend von dieser Leitfrage haben sich das Oswald von Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik der philosophisch-theologischen Hochschule St. Georgen (NBI) das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) an der Universität Göttingen sowie die Professur für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Darmstadt (h_da) zu einem sozialwissenschaftlichen Verbundprojekt zusammengeschlossen. Ziel des Verbundprojektes ist es, die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Erwartungen, Regulierung und dem wirtschaftlichen Handeln von Bankunternehmen und den Handlungen der in Banken tätigen Individuen zu analysieren. Die unterschiedlichen Perspektiven werden dabei von je einem Institut (Teilprojekt) bearbeitet.

Das Projekt geht dabei in einem Zweierschritt vor:

  1. Zum einen soll die Entwicklung von Rationalitäts- und Legitimitätsvorstellungen rekonstruiert werden, mit denen Banken und Bankensystem sich in Deutschland von Seiten der allgemeinen politischen oder Laienöffentlichkeit, der Fachöffentlichkeit der Finanzregulatoren und im Rahmen der Business Community konfrontiert sehen
  2. Zum andern soll analysiert werden, wie die betreffenden Erwartungen auf der Ebene von Bank und Kreditunternehmen praktisch wirksam werden, unter der Annahme , dass Banken als strategisch handelnde kollektive Akteure die an sie herangetragenen, mehrdeutigen und widersprüchlichen Erwartungen eigenständig deuten und strategisch darauf Bezug nehmen

Das an der Hochschule Darmstadt angesiedelte Projekt untersucht insbesondere die Fachöffentlichkeit der an den Regulierungsprozessen beteiligten Institutionen.
Für diese Fachöffentlichkeit kann von einer starken Kontinuität von Erwartungsbildung, Erwartungsenttäuschung oder -bestätigung sowie Erwartungsrevision ausgegangen werden. Zudem kann angenommen werden, dass das Wechselspiel zwischen Erwartungen unterschiedlicher Ordnung stärker reflektiert wird. Da im Zentrum des Gesamtprojekts Bankorganisationen stehen, setzt die Untersuchung an den für Kreditinstitute seit Mitte der siebziger Jahre maßgeblichen Initiativen des Basler Ausschusses an. Eine besondere Aufmerksamkeit soll in diesem Zusammenhang der wirtschaftswissenschaftlichen Begleitung von Neu-, De- und Re-Regulierung zukommen.

Mittels einer Analyse der für die entsprechenden Konsultationsprozesse maßgeblichen Dokumente sowie mittels Experteninterviews soll auf die folgenden Forschungsfragen eingegangen werden:

  • Welche konkreten Funktionserwartungen lassen sich bei Regulierungsprozessen und deren wirtschaftswissenschaftlicher Begleitung identifizieren und welche Rolle spielen diese Funktionserwartungen an das Bankensystem und an einzelne Banken bei der Regelsetzung?
  • Welche Verhaltenserwartungen sind präsent, sowohl im Hinblick auf Interaktionen hinsichtlich der Regelsetzungsprozesse selbst, als auch im Hinblick auf andere Stakeholder (Kunden, Mitarbeiter, Anteilseigner und Träger) der Finanzinstitute?
  • Wird bei der Erwartungsbildung von Regulierungsinstanzen und ihren Impulsgebern aus Wissenschaft und Expertenschaft auf die verschiedenen Operationslogiken von Systemen und Organisationen eingegangen?
  • In welchem Umfang und in welcher Art wird bei der Formulierung von Erwartungen an Kreditinstitute zwischen unterschiedlichen Formen der Verfasstheit unterschieden?
  • In welcher Form werden Erwartungen zwischen den direkt am Regelungs- und Regulierungsprozessen beteiligten Gruppen mit den Erwartungen der Öffentlichkeit gekoppelt?

Ein besonderes Augenmerk gilt hierbei den Besonderheiten des deutschen Bankensystems. So soll im Zusammenhang mit der Ermittlung von Funktionserwartungen auf die Frage eingegangen werden, ob den drei Säulen des deutschen Systems unterschiedliche Erwartungshaltungen entgegengebracht werden. Möglich wäre in diesem Zusammenhang auch ein Wechsel zwischen Phasen der konvergierenden und der divergierenden Erwartungen an öffentlich-rechtliche, genossenschaftliche und private Institute. Da die bisherige sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Arbeit des Basler Ausschusses vor allem die Herausbildung und Natur transnationaler Regulierungsstrukturen untersucht, adressiert das Projekt eine bedeutsame Forschungslücke.