Selbstständigkeit in der Energiewirtschaft

Josef Werum, Absolvent der Energiewirtschaft, beschreibt seine Erfahrungen in der Unternehmensgründung

Der Impuls

Bereits mit Ende des Grundstudiums der Elektrotechnik stand fest, später auch beruflich etwas mit Erneuerbaren Energien machen zu wollen. Das Praktikum im damaligen Mainzer Kohlekraftwerk und schließlich der  Besuch des viertägigen „Internationalen Sonnenforums der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie“ (DGS) in der Alten Oper in Frankfurt gaben hierfür sicherlich einen deutlichen Impuls. Dieser Impuls führte sehr schnell zur Initiierung der 15 köpfigen Studentengruppe „IRE“ (Interessengemeinschaft Regenerative Energien) und der Gründung der gemeinnützigen „FEE“ (Fördergemeinschaft Erneuerbare Energien an der Fachhochschule Wiesbaden e.V.) und schließlich zur Umsetzung eines studentischen Forschungsprojektes. Das Forschungsprojekt hatte zum Ziel Energieerzeugung aus Erneuerbaren Energien und Energieverbrauch in einem Pilothaushalt so zu kombinieren, dass der solare Eigennutzungsgrad möglichst hoch ist und auf „konventionelle“ Energiespeicherung (Akkumulatoren oder Wasserstofftechnik) verzichtet werden kann. Gleichzeitig sollte der „neue“ Energiespeicher möglichst kostengünstig sein und einen Wirkungsgrad nahe 100 % erreichen – also hochgesteckte Ziele für ein gutes Dutzend hochmotivierter Studenten.

Mitkommilitone Stefan Herold (ebenfalls später Energiewirtschaftsabsolvent) kümmerte sich im Rahmen der ersten gemeinsamen „Doppel-Diplomarbeit“ am Forschungsprojekt „Optimierter Einsatz Erneuerbare Energien unter Berücksichtigung charakteristischer Haushaltsgeräte“ um die notwendigen Softwarekomponenten und mein Teil Bestand in der Umsetzung der notwendigen Hardwarekomponenten für die Gesamtsteuerung. Zahlreiche Projekt-Diplomarbeiten folgten.

Bereits im letzten Semester und während der Diplomarbeit stand für uns beide fest, dass noch nicht Schluss mit dem Studieren sein sollte. Trotz guter Ingenieursausbildung und eigenorganisierter Weiterbildung im Bereich Erneuerbare Energien und dem studentischen Forschungsprojekt fehlte noch eine nicht unwesentliche Komponente – ein solider Wirtschaftswissenschaftlicher Hintergrund.

Als der EWI-Blitz einschlug

Ein Plakat (dargestellt war ein leuchtender Blitz auf dunklem Hintergrund) machte uns damals in der Fachhochschule in Rüsselsheim  auf das Aufbaustudium Energiewirtschaft aufmerksam. Wir zögerten nicht lange, bewarben uns um den weiterführenden Studienplatz und bekamen die Zusage. Genau ein Tag nach Abgabe der Elektrotechnik-Diplomarbeit (am 1. März 1994) begann bereits das Aufbaustudium an der Fachhochschule in Darmstadt.

Die drei Semester des Energiewirtschaftsstudiums vergingen im Fluge und neben der Projektarbeit stand schließlich die Abschlussarbeit an. Auch hier hatte ich die Möglichkeit mit meinem EWI-Kommilitonen Wenzel Kalabza eine „Doppelarbeit“ im Rahmen eines Forschungsprojektes (von Prof. Lothar Petry) im Bereich Erneuerbare Energien  zu schreiben. Die Abschlussarbeit titelte nun schon etwas ökonomischer „Potenzialabschätzung und Kostenbetrachtung der Solarenergie (Solarthermie und Photovoltaik) im Rahmen des Energiekonzeptes für das Biosphärenreservat Rhön“. (Betreuer der beiden Arbeiten waren neben Prof. Lothar Petry auch noch Prof. Barbara Mayer).

10 Jahre in der Energiewirtschaft

Bereits zu Beginn der Abschlussarbeit erweckte ein Aushang der HEAG Versorgungs-AG (heute HSE) am schwarzen Brett des Fachbereiches meine Aufmerksamkeit. Es wurde ein Mitarbeiter als Beratungsingenieur gesucht, der neben ingenieursfachlicher auch noch energiewirtschaftliche Qualifikation mitbringt und möglichst mit dem Thema Regenerativen Energien vertraut ist. Ich bewarb mich und bekam ich den Job. Die Abschlussarbeit war also gerade abgegeben und unisono zum 1. Dezember 1995 startete ich meine erste Stelle. Neben unterschiedlichen Einblicken und verschiedenen Funktionen und Positionen begann schließlich direkt nach der Liberalisierung des deutschen Energiemarktes (1998) die Idee zur Umsetzung eines Ökostromversorgers. Das Konzept wurde HEAG-intern vorgestellt, vom Vorstand für gut befunden und ich wurde im Februar 1999 mit der Umsetzung beauftragt. Nach vielen Stunden der Vorbereitung und einigen Nachtschichten war es schließlich so weit, pünktlich zum 1. Juli 1999 nahm offiziell die HEAG NaturPur AG ihren Geschäftsbetrieb auf. Trotz der damaligen enormen Komplexität – es fehlten noch entsprechende standardisierte Verträge mit Netzbetreibern, einheitliche Marktregeln etc. – wurde aber von Anfang an strikt auf sogenannte „Beistellung“ verzichtet und das etwas aufwändige Konzept der tatsächlichen viertelstundenscharfen Belieferung (zeitgleiche Vollversorgung) aus erneuerbaren Energien umgesetzt. Nach der Ernennung zum Geschäftsleiter (zum Unternehmensstart) folgte schließlich nach etwa einem guten Jahr die Berufung in den Vorstand des jungen Ökostromanbieters. Nach ursprünglich rechnerisch 1,5 Mitarbeitern vergrößerte sich das bundesweit tätige Unternehmen in den folgenden 6 erfolgreichen Jahren organisch auf ca. 12 Mitarbeiter. Mitte 2005 reifte dann nach fast zehn Jahren Konzernzugehörigkeit der Entschluss neue Wege zu gehen, zum 31. Dezember 2005 legte ich hierzu dann auch entsprechend mein Vorstandsmandat nieder.

Auf zu neuen Ufern – vom Konzern zur Selbständigkeit

Am 1. Januar 2006 wurde im ersten Schritt mit der „wec“ (werum energy consulting) die Selbständigkeit mit einer eigenen Unternehmensberatung gestartet. Mit einem befreundeten Informatiker (Matthias Roth) folgte schließlich zum Juli 2006 die Gründung der in.power GmbH. Hierbei wurde das übergeordnete Ziel formuliert die Markt- und Systemintegration (bzw. -transformation) Erneuerbarer Energien über die Direktvermarktung voranzutreiben und hierzu entsprechend die Welten „Energiewirtschaft und IT“ technisch, organisatorisch und intelligent zu verbinden. 

Das Virtuelle Kraftwerk für erneuerbare und umweltfreundliche Energien sollte der Schlüssel sein und der Aufbau der notwendigen eigenen Infrastruktur (Smart Metering, IT- und Energiedatenmanagementsysteme,  Börsenanbindung an die deutsche Strombörse EEX und Ausbildung zum Börsenhändler, Verträge mit Windkraftanlagenbetreibern und Bilanzkreisverträge mit den ÜNB…). Zum 1. August 2007 stand schließlich ein 100 MW-Windpilot zu den notwendigen Systemtests bereit und zum 1. Oktober 2007 wurde über die in.power Systeme das erste Mal Windstrom an der Börse gehandelt. (Leider auch vorerst das letzte Mal, denn die 4 ÜNB hatten bei der Bundesnetzagentur (BNetzA) ein entsprechendes Konsultationsverfahren angestoßen, mit dem geprüft werden sollte, ob – trotz erfolgreichem Rechtsgutachten – EEG-Teilmengen (über entsprechende virtuelle Zählpunkte ) am Markt veräußert werden dürfen. Die offizielle Prüfung ist – man höre und staune - bis heute noch nicht abgeschlossen. Mittlerweile wurde aber das EEG mehrfach novelliert, so dass die damals angestrebte und letztlich verweigerte Direktvermarktung von Erneuerbaren Energien seit Anfang 2012 erlaubt und mittlerweile (seit August 2014) sogar gesetzlich verpflichtend ist. Für ein kleines unabhängiges und mit relativ geringen Eigenmitteln ausgestattetes Unternehmen ist ein solches Unterfangen natürlich nicht ohne Risiko verbunden. In der etwa vierjährigen „Durststrecke“ zwischen 2008 und 2012 wurde neben zweier großen Forschungsaufträge der Bundesregierung (BMWi und BMU) im vierjährigen E-Energy Projekt „Regenerative Modellregion Harz“ und im zweijährigen Schwesterprojekt „Harz-EE-mobility“ auch Beratungsleistungen für renommierte Unternehmen  (hauptsächlich im deutschsprachigen Raum) erbracht. Diese Flexibilität ermöglichte es uns an den ursprünglichen Zielen festzuhalten, die Zeit mit artverwandten Themen zu überbrücken und den Kern weiter auszubauen und zu verbessern.

In 2011 bewirtschafteten wir mit unseren eigenen Tools für einen großen deutschen Ökostroman­bieter das bundesweite Portfolio im Bereich Grünstromprivileg und waren mit ca. 310 MW direkt­vermarktete Windenergie damals nach Statkraft und Trianel der drittgrößte deutsche Windstrom­vermarkter. In 2012 wuchs das Portfolio sukzessive auf 500 MW und in 2013 auf 600 MW an, in 2015 liegen wir mit ca. 900 MW von mittlerweile 70 gelisteten Direktvermarktern auf ungefähr Platz 11.

Weitere für die interne Konzeptumsetzung notwendige energiewirtschaftliche und IT-technische Themen wurden konsequent aufgegriffen und nach grundlegendem Verständnis und operativer Umsetzung in eigenständige Tochtergesellschaften überführt. So wurden beispielsweise im Oktober 2012 die Gründung, der Aufbau und die Geschäftsführung der Tochtergesellschaften in.power metering GmbH (eines bundesweit agierenden Messstellenbetreibers/ Messdienstleisters), und grün.power GmbH (eines regional und bundesweit tätigen Ökostromversorgers) vorangetrieben sowie im letzten Jahr zwei neue Gesellschaften in.power balance GmbH (im Bereich Regelenergie) und in.power optimise GmbH (Energiedatenoptimierung für EVU bzw. Industrie- und Gewerbekunden) gegründet.

Es bleibt also spannend!

In diesem Sinne gratuliere ich der h_da und dem Fachbereich Wirtschaft als Initiator zu Ihrer Weitsichtigkeit und dem Studiengang Energiewirtschaft mit seinen Professorinnen und Professoren, Lehrbeauftragten, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Studentinnen und Studenten und „Ehemaligen“ zum Festhalten am gemeinsamen Ziel der energiewirtschaftlichen Aus- und Weiterbildung und schließlich zum beachtlichen 25. Jubiläum.

Herzlichen Glückwunsch!

Josef Werum

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Ulrike Neuhaus